27.2.06

Abendunternehmungen...

Die Abendunternehmungen auf der Fracht unterscheiden sich meist nicht groß von denen der Passage:

Nach einer abendlichen Ankunft finde ich es schön, zusammen noch irgendwo den Tag ausklingen zu lassen.

Meist findet dies statt in irgendeiner Kneipe/Pub, in dem auch gute Musik gespielt wird, oder manchmal auch in der Hotelbar.

Der Unterschied auf der Fracht ist, daß man nun in wesentlich geringerer Zahl diese Lokalitäten betritt:
War man auf der Kurzstrecke meist zu viert oder fünft, so kommt heute ausschließlich der Kapitän und bei verstärkten Flügen noch der SFO mit.

Meist steht man an der Bar, lässt den Tag Revue passieren und erfreut sich an dem umgebenden Publikum.

Seit meiner Frachtzeit passiert mir dabei mit erschreckender Regelmäßigkeit folgendes:
Oft werde ich an der Theke von irgendwelchen Einheimischen angesprochen, gefragt, was ich hier tue, woher und wohin des Weges und wie mir der Aufenthalt hier in ihrem Land gefalle u. ä..
Auch ich freue mich, über diese Konversation, erhoffe ich mir doch, auf diesem Wege vielleicht ein wenig mehr über Land und Leute zu erfahren, als aus der schnöden Präsentation der Reiseführer oder den Layover-Infos ersichtlich wird.

Nach einigen hin- und herfliegenden Frage und Antworten wird vom gegenüber das Gespräch schnell auf die persönliche Schiene gehoben mit Fragen: "How old are you?"
Es scheint ein internationaler Sport zu sein, sich im Schätzen des Alters des Gegenüber zu ergehen.

Nun aber kommt der Unterschied zur Passage.
Der Rest des Gespräches ist nun bei Damen sehr vorhersehbar:
Dame: "Are you married?"
Ich: "No?? Why are you asking?
Dame: "Oooh, such a beautiful man and not married?"
Spätestens hier werde ich dann aus meiner Naivität aufgeschreckt, schließlich bin ich nicht gerade mit einem Astralkörper gesegnet...

Die dann folgende direkte Aufforderung der Dame, Ihr doch wahlweise ein Bier auszugeben, die Taxifahrt nach Hause zu bezahlen oder direkt mit ihr gegen Gebühr irgendwohin zu verschwinden, versuche ich erst höflich abzulehnen, was meist den Ehrgeiz der Dame noch weiter anstachelt (Anscheinend ist bei den üblichen Kunden ein "Nein, danke." eher als "vielleicht, wenn wir über den Preis verhandeln können..." zu interpretieren).

Schließlich bleibt mir nur noch die - in meiner Sichtweise eigentlich respektloseste und mir widerstrebende - Möglichkeit, die Dame einfach zu ignorieren und hilfesuchend zu meinem Kapitän zu blicken, der aber anscheinenend in ein ähnlich geartetes Gespräch vertieft ist.

Die allerletzte Möglichkeit: Flucht...

Nun stehe ich also an einem andere Platz an der Bar und nuckele friedlich an meinem Feierabendgetränk und schon stürzt sich die nächste Dame auf ihr potentielles Opfer, denn sie hat ja aus sicherer Entfernung die Versuche ihrer Kollegin wohlweislich beobachtet und vermutet nun, daß ich auf den Typ ihrer Kollegin nicht stehe und sie daher den sicherlich angemessenen Ersatz darstellen wird...

Ich flüchte genervt auf mein Zimmer.

In Zeiten der Passage wurden solche Gesprächspartner meistens durch die anwesenden Kolleginnen aus der Kabine abgeschreckt. Diese Abschreckungswirkung vermisse ich wirklich...

Andererseits lassen solche Begebenheiten viele Fragen in mir aufkommen:
Anscheinend ist die Zielgruppe Männer zwischen 30 und 60 wohl sehr klassisch für die Damen des horizontalen Gewerbes.

Auch scheint die Nachfrage nach Geschäften dieser Art nicht gering zu sein, schließlich hauen sich diese Damen sicherlich nicht für Gottes Lohn die Nacht in irgendwelchen Spelunken und Hotelbars um die Ohren?

Man verstehe mich bitte nicht falsch: Ich bin nun wirklich kein Moralapostel oder möchte hier irgendeinen Stab über diese Damen brechen, die sicherlich ihrem Geschäft nicht immer ganz freiwillig nachgehen, um es vorsichtig zu formulieren.

Allerdings würde ich wirklich gerne in solchen Situationen meinen Feierabend in Ruhe genießen. Weiß irgendjemand ein probates Rezept, außer mit einem Schild um den Hals den Raum zu betreten á la: "Ich habe übrigens Genitalherpes, kein Geld, bin schwul und möchte einfach nur in R U H E gelassen werden!"?

Was mich jedoch am meisten nervt, ist meine dadurch schwindende Offenheit.
Inzwischen frage ich mich jedesmal, wenn ich in einer Kneipe angesprochen werde, warum? Was will da jemand von mir?

Anstatt wie bisher offen mit Gesprächspartnern zu diskutieren und mich auf einen interessanten Abend zu freuen, blocke ich inzwischen oft das Gespräch recht zeitig ab, bleibe bei Oberflächlichkeiten und verbaue mir damit vielleicht den ein oder anderen interessanten Gesprächsabend. Schade...

9 Comments:

Anonymous Bloggerli said...

ganz einfach, sag doch einfach du seist verheiratet :-) dann noch irgendeinen billigen ring an den fingern und noch hinzufügen das man(n) treu ist :-)

28/2/06 08:37  
Blogger Alles lacht, hier kommt die Fracht.... said...

Ich bin begeistert: Es gibt einen zweiten Leser auf meiner Seite...;-))

Ich weiß nur nicht, ob das mit dem Ring und der falschen Auskunft über meinen Familienstatus hilft. Oft genug sehe ich die Damen später dann mit einem Mann mit unübersehbarem Ehering verschwinden...

28/2/06 10:46  
Blogger nff said...

Ehering funktionniert nie - im Gegenteil, die Damen fühlen sich dadurch noch zusätzlich angespornt.

Als Schwul outen ist heikel - da und dort belagern sog. 'Ladymen' die Bartheken und sind in der Wahl der sexuellen Praktiken extrem flexibel.

Achselschweiss ist auch nur bedingt wirksam - so manch ein Engel der Nacht scheint gegen das Biogift immun zu sein.

Solche Bars meiden führt gerade in Afrika, wo man genug trinken soll, zum Tod durch Verdursten. In Afrika hat es NUR solche Bars....

Sich im Hotelzimmer verkriechen ist auch gefährlich. Das führt zu Einsamkeit, Einsamkeit führt zu Depressionen, Depressionen schreien nach Alkoholkonsum und Alkoholkonsum wiederum führt auf direktem Weg in die nächste Bar. Man(n) ist dann wieder gleich weit.

Die Nichtflieger können an dieser Diskussion erkennen, wie anspruchsvoll unser Pilotenberuf doch ist. Es sind nicht die stürmischen Anflüge, nicht die schwierigen Passagiere (oder Pferde), nicht die lauernden Gefahren im afrikanischen Luftraum, sondern die immer wiederkehrende Frage am Abend nach getaner Arbeit (two beers or not two beers), die diesen Traumberuf so anspruchsvoll machen.

1/3/06 09:40  
Anonymous pajas said...

ach ihr armen, armen Vielflieger! irgendwie hab ich grad eine kurze, sentimentale Phase und daher auch ein ganz wenig Mitleid mit euch... :-)

als mir in Prag letzthin was ähnliches passierte, genügte nach anfänglicher Ignoranz ein klares, lautes "No, I'm not interested".

Mal versuchen?

1/3/06 11:37  
Anonymous Anonym said...

Tja, tatsächlich will fast jeder, der sich für einen interssiert auch was. Im besten Fall etwas belanglose Unterhaltung, im schlimmeren Fall sein Bestes - das Bargeld :)

2/3/06 01:38  
Blogger Alles lacht, hier kommt die Fracht.... said...

Hallo Pajas,

leider schon extrem oft versucht...
In Prag und im restlichen Europa funktioniert ein einfaches "Nein, danke!" sehr gut, leider nicht so in Afrika... In Afrika löst das dann eher Reaktionen aus wie:"C'm on, don't be so shy...!".

Gruß,

Golfox

3/3/06 10:33  
Anonymous Boris said...

Vielleicht hilft der "Trick" mit dem Ring wirklich - oder einfach auf die Frage nach dem Ehestand mit "Yes, I'm married" antworten.
Cooler Blog übrigens, bin ein begeisterter Leser

(Kommentar von einem, der in VIE dafür zuständig ist, dass eure Flieger gerade in der Luft bleiben ;))

3/3/06 14:54  
Blogger Alles lacht, hier kommt die Fracht.... said...

Hallo Boris,

vielen Dank für das Lob!
Ich freue mich so riesig, daß es innerhalb so kurzer Zeit, so viele Reaktionen auf mein Geschreibsel gibt!

Gruß,

Golfox
P. S.: Bin übrigens durch Dein Blog noch auf eine Idee zu einem Artikel gekommen...http://freighterdog.blogspot.com/2006/03/ein-schwank-aus-meiner-passagezeit.html#links

3/3/06 16:03  
Anonymous pathologe said...

Verheiratet funktioniert nicht. Bereits ausprobiert. Ein Kollege dreht sich nach eigenen Aussagen immer demonstrativ weg, kann in einer vollen Bar aber zum selben Gespräch, anderen Partner, führen.

Nach Rücksprache mit einem englischen Kollegen habe ich bestätigt bekommen, dass das doch recht unfreundliche "F*** O**" Wirkung zeigt. Allerdings möchte ich mich nicht unbedingt als "straight German" outen und mit diesen zwei Worten die Unterhaltung beginnen. Daher eher die bestimmte, wenn auch in ihren Äußerungen ständig kühler und direkter werdende Variante.

Vielleicht trifft man sich ja mal?

29/3/06 12:01  

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