23.3.06

Umlauf - Tag 2

0315 Uhr: Durch meinen Traum geistert ein fernes Telefonklingeln. Halb erwacht greife ich zum Hörer und die freundliche Dame der Rezeption pustet mit empfundenen 115 Dezibel ein "Guuuuten Mooooorgen! Die ist Ihr Weckruf!" durch den Hörer.
Ich frage mich derweil:
Wie spät ist es?
Wo bin ich?
Was mache ich eigentlich hier?
Und warum habe ich eigentlich keinen vernünftigen Beruf ergriffen....?

Beamter im Kommunalverwaltungsdienst schwebt mir in solchen Situationen regelmäßig als Traumberuf vor: Geregelte Arbeitszeiten, evtl. sogar "Gleitzeit" (sprich spät kommen und dafür früh gehen...).

Der Rest läuft nun mechanisch ohne Beteiligung des Großhirns: Aufstehen, Duschen, Uniform anziehen, Koffer packen, letzter Kontrollblick durchs Zimmer, ob ich auch nichts liegengelassen habe, Abmarsch Richtung Rezeption.

Dort finde ich schon meinen Kapitän wieder, der gemütlich an einem Kaffee nippt. Ich suche mir von dem freundlicherweise vom Hotel bereitgestellten kleinen Frühstück (das ist wirklich sehr, sehr freundlich, denn üblicherweise bucht mein Arbeitgeber für seine Angestellten Hotelübernachtungen grundsätzlich und ausdrücklich ohne Frühstück) ein Teilchen und einen Orangensaft.

Um 0415 bringt uns dann unser Fahrer durch das dunkle Köln zum Flughafen. Die Fahrt über döse ich noch gemütlich.

Nach Passieren der Sicherheitskontrollen kommen wir nun in den Briefingraum in Köln:
Welch ein Gegensatz! Eben beherrschte noch träge, schlaftrunkene Stimmung vor. Jetzt hier im Briefingraum reiht sich jedoch alles, was in der Frachtszene Rang und Namen hat, unter gleißendem Neonlicht an einem Tresen auf und studiert Flugunterlagen.

In Köln, ein Flughafen, der am Tag eher verschlafen wirkt (gut ein paar Billigflieger haben ihm seit neuestem zu etwas mehr Leben verholfen), geht nachts dafür im wahrsten Sinne des Wortes "die Post ab"...;-)

Nachdem wir alle Flugunterlagen studiert und die zu tankenden Spritmenge festgelegt haben, fahren wir zum Flugzeug.
In einer Reihe steht Frachter neben Frachter, alle mit weit offenen Frachttüren, Paletten werden hin- und hergefahren, Highloader (das sind Hubwagen für Paletten) umschwirren die Flieger, wie Motten das Licht.

Nun schnell ins warme Cockpit, diverse Tests durchfahren, Flieger checken, Route progrmmieren, alles, was halt so anfällt in der Flugvorbereitung...

Mittlerweile sind die meisten Checklisten gelesen und im Hintergrund höre ich des Frachtfliegers liebstes Geräusch: Das unnachahmliche hochfrequente Summen eines Hydraulikmotors!
Das bedeutet das Schließen der Frachttüren. Somit steht alles auf grün für den Abflug...
(Ganz im Gegensatz zur Passgierfliegerei: Kein Handgepäck muss noch langwierig verstaut werden, kein gehetzter Vielflieger kommt noch in letzter Minute angerannt, keine Gatemitarbeiter stürmen noch mal ins Flugzeug um irgendwelchen Menschen noch in letzter Minute ein korrigiertes Ticket hereinzureichen. Das Motto lautet hier schlicht: Tür zu und abfliegen!).

Und 15 Minuten später weiß ich dann auch wieder, warum ich mich gegen den Kommunalverwaltungsdienst entschieden habe:



Etwas später setzen dann - für mich als totaler Flachlandtiroler immer wieder schwer beeindruckend - die Berge ein (Für die Identifikation der einzelnen Bergspitzen verweise ich an Leute, die sich mit sowas auskennen...)


Nach einem guten Mahl über der Türkei, dem üblichen Krampf der verschiedenen Kontrollstellen des geteilten Zyperns, die sich alle gegenseitig den gleichen Luftraum streitig machen, den Verhandlungen mit den Iranischen Militärs zwecks Durchflugfreigabe kommt auch bereits kurze fünf Stunden später die Küste Bahreins in Sicht.

Nach einer schönen Landung meines Kapitäns stehen wir im gleißenden Nachmittagslicht der arabischen Wüste und verabreden uns für ein ausführliches Fischessen direkt am Hafen, draußen bei guten 28 Grad Celsius in der Nacht.

Nachdem diverse Krabben und anderes bemitleidenswertes Meeresgetier sein Leben für uns lassen musste, genehmigen wir uns zum Abschluss noch einen Pfirsich-Mango-Mix (Das Lokal verkauft ganz der islamischen Tradition folgend halt kein Alkohol. Auch mal eine wohltuende Abwechslung, denn die Fruchtsäfte sind unschlagbar!).

Ich sinke zufrieden in mein Hotelbett: Morgen mittag wird es weitergehen...

3 Comments:

Blogger nff said...

Logisch kenne ich mich mit den weissen Bergspitzen aus! Ich starte mal kurz Google Earth......

Guten Flug wünscht

nff

23/3/06 18:55  
Anonymous Flyingcook said...

...3.15Uhr???...die Dame hat den Anruf überlebt??? Ich dachte immer ich hab schon bescheiden schöne Arbeitszeiten(gehabt), aber es geht noch besser. Wobei für dieses Foto wäre ich allerdings aus dem Bett gesprungen.Ich hatte früher auch Gleitzeit, nur hiess das dann bei uns so, wer früher kommt darf später gehen. Das sah dann so aus, 8.30 uhr zum morgentlichen Kaffee nebst Briefing( ja das gibts in einigen Küchen auch) und Debriefing war am nächtsen morgen um 2uhr!!!! 3 mal die Woche 4 Uhr!! weil da bin ich zum Hafen(Hamburg) shoppen(Fisch, Fleisch etc).
Die Fotos...herrlich, schläft sich nachher gleich besser.
Verhandlungen mit dem Irasnischen Militär?? Wie schaut denn das aus? Etwa ja ihr dürft drüber fliegen wenn ihr ausversehen Ware verliert??

aber mal ehrlich, so Frachtfliegen ist doch schon was feines...zumindest wenn ich das so Lese...gibts auch kleine Frachtflieger..so die man mit PPL fliegen darf...lächel

24/3/06 01:29  
Blogger Alles lacht, hier kommt die Fracht.... said...

@nff Ich konnte mir diesen kleinen Scherz einfach nicht verkneifen...;-)
Als Flachländer und jemand, der die Bretter, die die Welt bedeuten (vulgo Ski), nie kennengelernt hat, bin ich im Linientraining als brandneuer Passage-Copilot immer an Fragen insbesondere süddeutscher Checker zur Geographie des Alpenraumes kläglich gescheitert:

Und was ist das da hinten?

"...???"

Das ist der Große St. Bernhard! Und das da?

"....??????"

Das ist die Patschernkofelnordwand mit der eisernen Jungfrau als Eingang zum Flüeli de la Colt Pass, erstmals durchstiegen siebzehnhundertdreiundzehnzig von Luis Trenker persönlich. Mensch, das müssen sie doch wissen! Wie wollen Sie denn sonst vernünftige Ansagen machen können??

@flyincook Naja, Verhandlungen ist wohl das falsche Wort. Der Iran verlangt neben dem üblichen Funkkontakt zu den zivilen Lotsen auch noch mal eine Anmeldung vor einflug beim "Defence Radar".

Gruß,


Golfox

24/3/06 08:24  

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