16.5.06

Erstens kommt alles anders, zweitens als man denkt...

Frohen Mutes hatte ich vor einigen Tagen in D eingecheckt für meinen Flug nach Bangalore eingecheckt.

Bei Briefingbeginn stand ich jedoch alleine am Briefingtresen. Mein "Chef" hing noch im Stau auf der Autobahn fest.

Schon beim ersten Blick auf den Flugplan überfiel mich das Staunen:

Üblicherweise ist auf dem Weg nach Indien die Maschine recht leer und auf den Rückflügen nach D dafür "bis zum Stehkragen voll".

In meinem Fall jedoch war die Maschine "übervoll": Weit über 90 Tonnen Fracht warteten auf ihren Transport nach Indien.

Das Flugzeug besitzt ein höchstzulässiges Maximalgewicht. Die Differenz zwischen Maximalgewicht und dem Leergewicht (die Zuladung) kann nun sowohl für Fracht als auch für Kraftstoff genutzt werden.

Unter normalen Umständen können wir auf der Strecke knapp 80 Tonnen Fracht transportieren, der Rest wird für den Kraftstoff benötigt.

Hier hatten die Dispatcher (das sind die Kollegen, die den Flugplan erstellen) schon zu einem "Trick" gegriffen: Das Decision Point Procedure.

Anstatt den Flug direkt nach Bangalore zu planen, wird zuerst ein Flugplan bis Bombay erstellt.
Hierfür wird weniger Sprit benötigt. Es kann also mehr Fracht zugeladen werden.
Da die Verbrauchwerte des Fliegers sehr konservativ gerechnet sind, ist es fast immer so, daß nicht der gesamte Sprit auch wirklich benötigt wird und somit im Flugverlauf ein "Spritüberschuss" entsteht.

Aus diesem Grund wird nun ein weiterer Flugplan gerechnet: Von einem bestimmten Punkt vor Bombay bis Bangalore.

Stellt sich nun an diesem Punkt heraus, daß die im Tank verbliebene Spritmenge ausreicht, um sicher nach Bangalore zu kommen, so wird bis Bangalore geflogen, andernfalls in Bombay zwischengelandet.

Vermittels dieses Verfahrens konnten wir also fast 85 Tonnen Fracht mitnehmen.

Es war also nicht unbedingt eine triviale Planung. Mittlerweile war auch mein Chef eingetroffen und wir begaben uns zum Flieger.

Dort lief alles erstmal gut, bis kurz vor Abflug der Lademeister ins Cockpit kam und berichtete, daß eine Palette falsch ausgezeichnet war und deswegen schwerer als gerechnet war.

Nun ging es also darum, durch Ausladen von Fracht wieder auf das maximale Abfluggewicht zu kommen.

Nun stellt sich in so einem Fall die Frage, was ausgeladen werden soll.

Generell gibt es zwei Arten von Fracht:

1) Standby-Fracht

2) Express-Fracht bzw. neudeutsch "Time Definite Service"

Die Standby Fracht hat keine vorgegebenen Liefertermine. Sie fliegt einfach auf dem nächsten freien Flug mit.

Die Express-Fracht hingegen ist mit festen Lieferterminen versehen und genießt deswegen allerhöchste Priorität. Ein Versäumen dieses Termins ist für meinen Arbeitgeber nicht nur peinlich dem Kunden gegenüber, sondern zieht auch (berechtigterweise) solide finanzielle Forderungen des Kunden nach sich.
Aus diesem Grund geht vermutlich eher die Welt unter, als daß Express-Fracht "stehen bleibt"...;-)

Wir mussten also nun knapp eine Tonne wieder ausladen. Das Problem jetzt: Die normale Fracht war auf Paletten zusammengefasst, die fast alle im Gewichtsbereich > 4 Tonnen lagen und lediglich die Express-Fracht war in kleinere Einheiten aufgeteilt.

Also wurde eiligst eine Palette ausgeladen, neu aufgeteilt und eine neue Palette mit passendem Gewicht "gebaut"...

Und in der Zwischenzeit tickt der Zeiger der Uhr unweigerlich in Richtung Abflugzeit!

3 Minuten vor planmäßiger Abflugzeit kam dann ein verschwitzter Lademeister ins Cockpit und brachte die letzten Papiere über die endgültige Gewichtsverteilung.

Der Kunde wird von diesem Flug vermutlich nur die pünktliche Abflugzeit sehen und ihn als einen der üblichen Routineflüge betrachten...

4 Comments:

Anonymous Anonym said...

Schön wieder was zu lesen von Ihnen... Und sind sie denn dann wenigstens bis BLR oder gabs zu allem auch noch nen Zwischenstop in BOM?

Grüsse aus der CH
A.

16/5/06 16:27  
Blogger Alles lacht, hier kommt die Fracht.... said...

Schön auch von Ihnen wieder was zu lesen!

Der Zwischenstop in Bombay entfiel glücklicherweise und ich konnte einen unbeschwerten Bangalore-Aufenthalt genießen. Ich werde die nächsten Tage auch davon berichten.

Viele Grüße aus Sharjah (bin gerade auf dem Rückweg nach D),

Golfox

16/5/06 20:04  
Anonymous Anonym said...

Echte Sauerei... Immer wieder Sharjah... Meiner einer darf hier nur im strömenden Regen sinnlose Planungen und Budgets erstellen und sich die Flieger die ganze Zeit durch die Fensterscheibe anschauen.. Schnief... Gute Heimflug nach D...

A.

16/5/06 20:57  
Anonymous Flyingcook said...

..ich hatte schon befürchtet sie müssten mit anfassen..;-) ganz nach dem Motto: erst die Arbeit dann das Vergnügen....grins

16/5/06 21:42  

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